Erprobung einer geothermischen Bergwassernutzung am Grenztunnel Füssen

  • Im Rahmen des Forschungsprojektes „Erprobung einer geothermischen Bergwassernutzung am Grenztunnel Füssen“ wurde die Funktionsweise einer „direkten, passiven geothermischen Freiflächentemperierung“ erprobt, die in den Jahren 2019/20 auf dem Betriebshof der Autobahnmeisterei am Nordportal des Grenztunnels Füssen baulich realisiert wurde. Hierzu wird das Bergwasser des angrenzenden Grenztunnels Füssen durch bifilar verlegte Rohrregister gepumpt. Das Bergwasser erwärmt im Winter die Fahrbahnoberfläche, um diese schnee- und eisfrei zu halten, und kühlt diesen im Sommer ab, um Spurrillenbildung vorzubeugen. Das in diesem Kontext realisierte Technikum ist mit neun Freiflächen ausgestattet, wobei der Fahrbahnaufbau bei sechs Freiflächen aus Asphalt und bei den weiteren drei aus Beton besteht; jeweils eine Beton- und eine Asphaltfläche wurde als Referenzflächen nicht mit Rohrregistern versehen. Die Testflächen variieren bezüglich der Anordnung der Rohrleitungen hinsichtlich der Tiefenlage, den Rohrachsabständen sowie bezüglich des Deckschichtaufbaus. In jedem Feld wird der Durchfluss, Vor- und Rücklauftemperatur, sowie in Feldmitte, als auch am Rand die Temperatur in zwei Sensorebenen unterhalb und oberhalb der Rohrleitungen gemessen. Bei direkten, passiven Freiflächenheizungen wird das Wasser direkt ohne Wärmetauscher und -pumpe durch die Rohre gepumpt. Die einzig verstellbare Größe stellt der Volumenstrom dar, welcher die Geschwindigkeit des durchströmenden Wassers bestimmt. Der dimensionslose Wärmeübergangskoeffizient des strömenden Wassers zur Umgebung nimmt mit Anstieg der Geschwindigkeit zu, so dass mehr Wärme übergeben wird. Im Rahmen des von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) geförderten Forschungsvorhabens „Erprobung einer geothermischen Bergwassernutzung am Grenztunnel Füssen“ wurde das Technikum durch das Institut für Geotechnik der Universität Stuttgart über zwei Jahre in Winter- und Sommerperioden im Einsatz getestet. Im Fokus der Forschungsaktivitäten stand die vollständige Erfassung und Analyse der Wärmeströme temperierter Verkehrsflächen und anwendungsorientiert die Entwicklung eines möglichst effizienten und störungsfreien Betriebskonzeptes solcher Anlagen. Das Forschungskonzept für das Technikum Füssen sah vor, wesentliche Parameter der atmosphärischen Wärmeströme messtechnisch zu erfassen, daneben aber die Analyse der Messergebnisse durch numerische Simulationen zu ergänzen, die notwendig sind, um die für die Energiebilanz zur Freiflächentemperierung erforderlichen Wärmeströme, die messtechnisch nicht vollständig erfasst werden können, ergänzend abzubilden und die im weiteren als Übertragungsmodell genutzt werden sollen, um auf der Basis von Parameterstudien Empfehlungen für die Planung und den Betrieb von direkten, passiven geothermischen Flächentemperierungen auch für von dem Standort Füssen abweichende Randbedingungen abzuleiten. In eine optimierte automatische Anlagensteuerung wurden dabei auch Wetterprognosen integriert. Im Ergebnis wurde eine Implementierungshilfe zum Einsatz von direkten, passiven Freiflächenheizungen zur Schnee- und Eisfreihaltung von Verkehrsflächen an Tunnelportalen formuliert, die einen wesentlichen Beitrag dazu leisten soll, solche nachhaltigen Konzepte zu einer Regelanwendung an Tunnelportalen zu machen. Zur Bemessung und Auslegung der Anlage wurden alle auf die Freiflächen wirkenden, messbaren und nicht regulierbaren Wärmeströme ermittelt und quantifiziert. Zu allen Wärmeströmen gibt es, sofern alle notwendigen Daten vorliegen, analytische Berechnungsmöglichkeiten. Um das Verhalten der Anlage zu analysieren und um bei numerischen Untersuchungen Szenarien zu untersuchen, deren Randbedingungen klar definiert und messbar sind, wurden Testszenarien entwickelt. Es wurden für den winterlichen Betrieb fünf und den sommerlichen Betrieb zwei Testszenarien definiert, welche eine atypische Steuerung bei außergewöhnlichen Wetterereignissen vorsahen, um darüber hinaus auch die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Anlage auszuloten. Im Testszenario „Schneefall“ trat starker Schneefall ein, sodass zu den ohnehin gemessenen Daten die Dichte, Intensität und Temperatur des Schnees gemessen werden konnte. Die Auswertung weiterer Schneemessungen ergab, dass mit abnehmender Außentemperatur die wärmedämmende Wirkung des Schnees steigt .Ein weiteres Szenario zur Untersuchung der Glätte, sollte Kenntnisse zur Trägheit bzw. Reaktionszeit des Systems liefern, weshalb die Anlage über längere Zeit außer Betrieb genommen wurde, bevor die Anlage dann bei der Ankündigung von Glätte mit adäquater Vorlaufzeit aktiviert wurde. Um die, das Verhalten der Freiflächenheizung maßgebend beeinflussenden Parameter, zu analysieren und einordnen zu können, wurden numerische Simulationen mit einem gekoppelten hydraulisch-thermischen Modell durchgeführt. Das Modell simuliert das Verhalten der Freiflächen während der Testszenarien und soll die schwer durch Messungen ermittelbaren Wärmeströme (z. B. kurzwellige Strahlung) identifizieren und quantifizieren. Die Validierung der Simulation erfolgt anhand der Messdaten, welche in Perioden erfasst wurden, in denen die äußeren atmosphärischen Randbedingungen möglichst präzise bestimmbar sind. Es zeigt sich, dass die numerisch ermittelten und gemessenen Daten gut übereinstimmen. Die Parameterstudien bestätigte u.a. die Beobachtung, dass Kupferleitungen höhere Fahrbahnoberflächentemperaturen induzieren. Ferner wurde eine Aktivierungszeit von 9 Stunden vor Ankündigung eines Wettereignisses (Glätte etc.) als ausreichend ermittelt, um die Fahrbahnoberflächen auf ein verwertbares Temperaturniveau zu heben. Es wurde auch festgestellt, dass das Abschmelzen von Schnee sehr energieintensiv ist i.e. nicht jeder Schneefall kann unmittelbar abgeschmolzen werden und es bedarf ggf. zusätzlicher Straßenräumung. Die Eisfreihaltung an der Freiflächenoberfläche konnte aber gewährleistet werden, sodass bei starkem Schneefall zwar geräumt werden muss, aber kein Salz zum Auftauen benötigt wird. Die tatsächlich gemessenen Klimadaten stimmen nicht immer mit der Prognose überein, sodass, um auf der sicheren Seite liegend, bei der automatischen Steuerung sowohl gemessene Daten als auch Wetterprognosen berücksichtigt wurden. Die Programmierung der Steuerung erfolgte mittels eines Python Scripts. Die Fernsteuerung wurde im Winter 2021/22 erfolgreich für den Betrieb der Anlage eingesetzt. Dabei konnte gezeigt werden, dass die Flächen durchgehend eisfrei gehalten werden konnten. Alle bei Planung, Bemessung und Betrieb gewonnenen Erkenntnisse wurden in eine Implementierungshilfe integriert, welche potenziellen Anwendern die Planung von direkten, passiven Freiflächenheizungen erleichtert. Das Forschungsvorhaben belegt, dass die an deutschen Straßentunneln anfallende Drainage- bzw. Bergwässer als nachhaltige Energiequelle u. a. für die Temperierung von Betriebsgebäuden und zur Temperierung von Verkehrs- und Betriebsflächen an den Tunnelportalen genutzt werden können. Das Konzept kann bei allen Bestandstunneln, bei denen Tunneldrainagewässer anfallen, grundsätzlich eingesetzt und die Verfahrenstechnik dabei auch nachträglich installiert werden. Die Nutzung von Drainagewässern ist grundsätzlich grundlastfähig und kann damit sowohl zur Kühlung, aber auch zum Heizen eingesetzt werden. Die Temperierung von Verkehrsflächen zur Eis- und Schneefreihaltung eine zweite besonders effiziente Nutzung, die es erlaubt, ausgewählte Bereiche vor Tunnelportalen und auf Betriebsflächen im Winter energieeffizient zu beheizen und somit den hier oft besonders aufwändigen Winterdienst (Freihaltung Fluchtwege etc.) und den Taumitteleinsatz vor Tunnelportalen zu reduzieren. Zugleich kann der bauwerksschädigende Eintrag von Streusalz und Chloriden in den Tunnel verringert und hierdurch die Lebensdauer von Tunnelschale und -ausbau verlängert werden. In Hinsicht auf die Nutzung erneuerbarer Energien im Betrieb von Straßentunneln bieten sich hier innovative Konzepte für die Zukunft, die auch bei Bestandstunneln nachgerüstet werden können.
  • As part of the research project “Testing the use of geothermal mountain water at the Füssen border tunnel”, the functionality of a geothermal, passive open-space heating system was tested, which was implemented in 2019/20 at the motorway maintenance depot. For this purpose, the mountain water from the adjacent Füssen border tunnel is pumped through bifilar pipe registers. The mountain water warms the road surface in winter to keep it free of snow and ice and cools it in summer to prevent rutting. The real-scale test field is equipped with nine open areas, whereby the roadway structure consists of asphalt for six open areas and concrete for the other three; one concrete and one asphalt area were not equipped with pipe registers. The test areas vary in the arrangement of the pipes in terms of depth, pipe spacing and the surface course structure. In each field, the flow rate, flow and return temperature, as well as the temperature in the centre of the field and at the edge are measured in two sensor levels below and above the pipes. In the case of direct, passive free-space heating, the water is pumped directly through the pipes without a heat exchanger or pump. The only variable that can be adjusted is the volume flow, which determines the speed of the water flowing through. The dimensionless heat transfer coefficient of the flowing water to the environment increases as the speed increases, so that more heat is transferred. For the dimensioning and design of the system, all measurable and non-regulable heat flows acting on the open spaces were determined and quantified. Provided all the necessary data is available, there are analytical calculation options for all the heat flows mentioned. Test scenarios were developed in order to understand the behaviour of the system and to investigate scenarios in numerical investigations whose boundary conditions are clearly defined and measurable. Five test scenarios were defined for winter operation and two for summer operation, which provided for a typical control during extraordinary weather events in order to also sound out the limits of the system’s performance. In the “snowfall” test scenario, heavy snowfall took place, so the density, intensity and temperature of the snow were measured in addition to the data already measured. The evaluation of further snow measurements showed that the heat-insulating effect of the snow increases with decreasing outside temperature, and that the combination of copper pipe and concrete structure melts the snow fastest. Another scenario for investigating the slipperiness was to provide knowledge about the inertia or reaction time of the system, which is why the system was taken out of operation for a longer period of time before the system was then activated with adequate lead time when slipperiness was announced. In order to be able to analyse and classify the parameters that have a decisive influence on the behaviour of the open-air heating system, numerical simulations were carried out with a coupled hydraulic-thermal model. The model simulates the behaviour of the open spaces during the test scenarios and is intended to identify and quantify the heat flows (e.g. short-wave radiation) that are difficult to determine by measurements. The validation of the simulation is carried out on the basis of the measurement data which were recorded in periods in which the external atmospheric boundary conditions can be determined as precisely as possible. It is shown that the numerically determined and measured data agree well. The parameter studies confirmed, among other things, the observation that copper lines induce higher road surface temperatures. Furthermore, an activation time of 9 hours before the announcement of a weather event (icy conditions etc.) was found to be sufficient to raise the road surfaces to a usable temperature level. It was also determined that melting snow is very energy intensive i.e. not every snowfall can be melted immediately and additional road clearing may be required. However, keeping the surface free of ice can be guaranteed, so that in case of heavy snowfall, clearing is necessary, but no salt is needed for thawing. The measured weather does not always match the forecast, so both data sources were taken into account in the automatic control system. The control system was programmed using a Python script. The remote control was used to operate the system self-sustaining in the winter of 2021/22. It was shown that the areas could be kept free of ice throughout. All the knowledge gained during planning, dimensioning and operation was integrated into an implementation aid, which makes it easier for potential users to plan direct, passive outdoor heating systems.

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Metadaten
Author:Christian Moormann, Till Kugler
URN:urn:nbn:de:hbz:opus-bast-29034
DOI:https://doi.org/10.60850/bericht-b198
Title Additional (English):Testing the use of geothermal mountain water at the Füssen border tunnel
Series (Serial Number):Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Reihe B: Brücken- und Ingenieurbau (198)
Publisher:Fachverlag NW in der Carl Ed. Schünemann KG
Place of publication:Bremen
Document Type:Book
Language:German
Date of Publication (online):2024/02/26
Date of first publication:2024/06/03
Publishing institution:Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
Release Date:2024/06/03
Tag:Umwelt; Verkehrsfläche; Wärmeleitung
Thermal conduction; Transport area; environment
Number of pages:90
Comment:
Projekt-Nr.: 15.0656
Projekttitel: Erprobung einer geothermischen Bergwassernutzung am Grenztunnel Füssen

Fachbetreuung:   Tim Hochstein

Referat:   Tunnel- und Grundbau, Tunnelbetrieb, Zivile Sicherheit
Institutes:Abteilung Brücken- und Ingenieurbau
Dewey Decimal Classification:6 Technik, Medizin, angewandte Wissenschaften / 62 Ingenieurwissenschaften / 620 Ingenieurwissenschaften und zugeordnete Tätigkeiten
Licence (German):License LogoBASt / Link zum Urhebergesetz

$Rev: 13581 $