Eingang zum Volltext in OPUS

Hinweis zum Urheberrecht

Buch (Monographie) zugänglich unter
URL: http://bast.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2014/821/


Erkenntnisstand zu Verkehrssicherheitsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer

State of knowledge about traffic safety measures for older road users

Falkenstein, Michael ; Poschadel, Sebastian ; Joiko, Silke

pdf-Format:
Dokument 1.pdf (2.061 KB) ((barrierefrei))

Bookmark bei Connotea Bookmark bei del.icio.us
Freie Schlagwörter (Deutsch): Alte Leute , Anpassung (psychol) , Deutschland , Einstellung (psychol) , Fahrer , Fahrgeschicklichkeit , Fahrausbildung , Fahrsimulator , Forschungsbericht , Interview , Sicherheit , Unfallverhütung
Freie Schlagwörter (Englisch): Accident prevention , Adaptation (psychol) , Attitude , Driver , Driver taining , Germany , Interview , Old people , Safety , Simulator (driving) , Skill (road user)
Collection: BASt-Beiträge / ITRD Sachgebiete / 83 Unfall und Mensch
Institut: Sonstige
DDC-Sachgruppe: Soziale Probleme, Sozialarbeit
Sonstige beteiligte Institution: Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Dokumentart: Buch (Monographie)
Schriftenreihe: Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Reihe M: Mensch und Sicherheit
Bandnummer: 248
ISBN: 978-3-95606-102-8
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 22.10.2014
Kurzfassung auf Deutsch: Immer mehr Ältere nehmen als Fahrer am Straßenverkehr teil. Mit zunehmendem Alter zeigen sich jedoch spezifische Veränderungen sensorischer, motorischer und kognitiver Funktionen, die auch für das Autofahren relevant sind. Andererseits fahren viele Ältere unauffällig, da sie Kompensationsmechanismen aktivieren. Hieraus ergibt sich die Frage, ob durch ältere Kraftfahrer besondere Risiken zu erwarten sind und ob diesen Risiken durch Interventionen begegnet werden kann. Auf Basis einer Literaturrecherche werden in diesem Band Interventionsmaßnahmen zur Absenkung des Unfallrisikos bzw. zur Verbesserung der Fahrkompetenz älterer Kraftfahrer zusammengestellt. Maßnahmen können auf mehreren Ebenen zum Tragen kommen, nämlich a) Gestaltung der Verkehrsumwelt, b) Gestaltung der Fahrzeugtechnik, c) Schulungen auf allgemeiner Ebene und d) Trainings auf individueller Ebene. Letzteres ist Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit. In Kapitel 2 werden zunächst altersbegleitende fahrrelevante Funktionsveränderungen und Kompensationsmechanismen erörtert und die Frage nach sensorischen und kognitiven Tests zur Prädiktion der Fahrtüchtigkeit diskutiert. Hier wird vorgeschlagen, ganzheitliche Screeningtests einzusetzen, die ggf. von einer Fahrprobe und dann ggf. von Interventionsmaßnahmen gefolgt sein sollten. Im zentralen Kapitel 3 werden Interventionsmaßnahmen anhand kontrollierter Studien vorgestellt und kritisch diskutiert. Die Gestaltung der Verkehrsumwelt erscheint v. a. für kritische Situationen wichtig, bei denen Ältere Schwierigkeiten haben. Hier ist v. a. die mangelhafte Gestaltung der Verkehrsführung beim Linksabbiegen an komplexen Kreuzungen zu bemängeln. Hier besteht Erneuerungsbedarf bei besonders kritischen Kreuzungen. Die Gestaltung der Fahrzeugtechnik, insbesondere der Einsatz von Fahrerassistenzsystemen (FAS), könnte v. a. bei kritischen Fahrsituationen hilfreich sein. FAS sind allerdings teuer und ihr Nutzen ist oft fraglich. Als besonderes sinnvoll erscheinen (noch in der Entwicklung befindliche) Kreuzungsassistenten, die den Fahrer beim Linksabbiegen unterstützen. Zu wenig Aufmerksamkeit wird auf kleine Systeme gelegt, wie drehbare Sitzauflagen, welche verstärkt eingesetzt werden sollten. Zu personenbezogenen Interventionen finden sich nur wenige kontrollierte Studien. Vereinzelt werden Studien zu Schulungen berichtet, die das Fahrerverhalten beeinflussen können, aber insgesamt wenig wirkungsvoll für die Vermeidung von Unfällen sind. Kontrollierte Studien zu praktischen Fahrtrainings im Realverkehr und im Simulator sind extrem selten. Als wesentliche Realverkehr-Trainingsstudie zeigt sich die Dortmunder Fahrtrainingsstudie (POSCHADEL et al., 2012a). Hier konnte gezeigt werden, dass sich im Kontrollgruppenvergleich ältere Fahrer durch ein spezielles Fahrtraining im Realverkehr in ihrer Fahrleistung bedeutsam steigern konnten, was vor allem den schwächeren Fahrern zu Gute kam. Simulator-Trainings erbringen v. a. Verbesserungen einzelner fahrrelevanter Handlungsstränge. Funktionszentrierte Trainings, welche fahrrelevante Funktionen direkt trainieren, werden am häufigsten genannt, stammen jedoch hauptsächlich aus einer Arbeitsgruppe und beinhalten i. W. das "UFOV®-Training". Dies erbringt deutliche Verbesserungen der Fahrkompetenz und eine längere Aufrechterhaltung der Mobilität älterer Fahrer. Angesichts der dürftigen Studienlage besteht jedoch erheblicher Nachholbedarf für weiterführende Forschung zur Effektivität anderer und kombinierter Funktionstrainings. Zur Einbeziehung der Betroffenen wurde eine Fokusgruppe älterer Fahrer zu ihrer Einschätzung eigener Fahrprobleme sowie von Interventionsmaßnahmen befragt. Alle Teilnehmer hatten Erfahrung mit einem Fahrtraining im Realverkehr. Komplexe Assistenzsysteme wurden eher negativ, einfache Hilfsmittel hingegen positiv eingeschätzt. Bei der Verkehrsgestaltung wurde v. a. eine Reduktion der Informationsflut angemahnt. Die Älteren bemerkten sehr wohl eine Verschlechterung ihres Sehens bei Dunkelheit und Regen. Ein Großteil sprach sich für die Einführung eines jährlichen verpflichtenden Sehtests aus; eine regelmäßige Überprüfung der Fahreignung wird jedoch weitgehend abgelehnt. Alle Teilnehmer befürworten praktische Trainingsmaßnahmen, haben allerdings Bedenken wegen der Kosten. Insgesamt zeigen v. a. die praktischen individualzentrierten Fahrtrainings gute langfristige Effekte auf die Fahrkompetenz Älterer. Der Nutzen von Fahrtrainings im Realverkehr ist relativ klar: bei der Dortmunder Fahrtrainingsstudie zeigt sich vor allem für die in der Eingangsmessung schlechter bewerteten Fahrer ein deutlicher Gewinn. Die wenigen Studien zu Simulator- und Funktionstrainings zeigen positive und z. T. nachhaltige Effekte auf Fahren und Mobilität Älterer. Hier sind dringend weitere Forschungsanstrengungen nötig, um den Nutzen zu erhärten, wobei v. a. Low-cost-Technik eingesetzt werden sollte.
Kurzfassung auf Englisch: An increasing number of older people participates in active driving. With increasing age specific changes of sensory, motor and cognitive functions emerge which are relevant for driving. However, many seniors drive inconspicuously because they activate compensatory mechanisms. Against this background the question emerges whether older drivers are posing an increased risk, and, if so, whether this risk can be counteracted by interventions. On the basis of a comprehensive literature search we have compiled and discussed in this report intervention measures for decreasing the accident risk and for increasing the driving competence of older drivers. Such measures can be located on different levels, namely a) the layout of the traffic environment, b) the layout of car technology, c) education at a general level, and d) training procedures at an individual level. The latter is in the focus of the present study. In chapter 2 age-related functional changes that are relevant for driving as well as compensatory mechanisms are outlined and the usefulness of sensory and cognitive tests for the prediction of fitness to drive is discussed. Here we propose integrated screening tests, which should be followed by a driving test and, if necessary, intervention measures. In the central chapter 3 intervention measures which are based on controlled studies are outlined and critically discussed. The design of traffic environment appears to be relevant, particularly for situations which impose problems for elderly. Here the problematic design of traffic routeing for left-turns at complex intersections should be re-designed, in particular at critical intersections. The layout of car technology, in particular the use of driver assistance systems, could be useful in critical driving situations. Driver assistance systems are, however, expensive and their benefit often questionable. Intersection assistants which support the driver during left-turns are judged to be particularly useful; however, they are still in development. Too little attention is devoted to small systems such as turnable seat rests, which should be applied more intensively. There are only few studies concerning person-related interventions. Occasionally educational studies are reported which are aimed at influencing driver behaviour. However, they appear to have little impact on accident prevention. Controlled studies on individual driving trainings in real traffic and in a driving simulator are extremely rare. A relevant training study in real traffic is the "Dortmunder Fahrtrainingsstudie" (POSCHADEL et al., 2012a). Here it could be demonstrated that older drivers could improve their driving behavior after a special driving training in real traffic, compared to a control group. This improvement was mainly observed in drivers with poor a priori driving performance. Simulator trainings yield improvements of single driving-related action chains. Function centered trainings, which target driving-relevant functions directly are mentioned more frequently in the literature. However, they originate mainly from one working group, and comprise only the "UFOV®-Training". This training yields clear improvements of driving competence and increases the duration of mobility in older drivers. However, given the poor state of studies, there is urgent need for further studies on different and multifaceted functional trainings. In order to include the persons concerned a focus group of older drivers was consulted concerning their subjective driving problems and meaningful intervention measures. Complex driver assistant systems were seen rather negative, simple technical aids rather positive. As to traffic design the reduction of information overload was reminded. The seniors well noticed their decay of vision, particularly in darkness and rain. A majority voted for mandatory annual tests of vision; a regular check of driving performance was generally refused. All participants voted for practical trainings, but are concerned about their costs. In summary, particularly the practical individual trainings yield good effects on the driving competence of elderly. The benefit of driving training in real traffic is relatively clear and mainly improves drivers with poor a priori performance, as shown in the Dortmunder Fahrtrainingsstudie. The few studies to simulator-based and functional trainings suggest positive and partly enduring effects on driving performance and mobility in older drivers. Here, further research is urgently necessary, which should focus on low-cost training techniques.