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Buch (Monographie) zugänglich unter
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Kompensationsstrategien von älteren Verkehrsteilnehmern nach einer VZR-Auffälligkeit

Compensatory strategies of older traffic participants after a VZR-conspicuousness

Karthaus, Melanie ; Willemsen, Rita ; Joiko, Silke ; Falkenstein, Michael

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Alte Leute , Anpassung (psychol) , Deutschland , Einstellung (psychol) , Fahrer , Forschungsbericht , Fahrgeschicklichkeit , Fahrzeugführung , Interview , Persönlichkeit , Rechtsübertreter , Rückfalltäter , Verhalten , Versuch
Freie Schlagwörter (Englisch): Adaptation (psychol) , Attitude (psychol) , Behaviour , Driver , Driving (veh) , Germany , Interview , Offender , Old people , Personality , Recidivist , Research report , Skill (road user) , Test
Collection: BASt-Beiträge / ITRD Sachgebiete / 83 Unfall und Mensch
Institut: Sonstige
DDC-Sachgruppe: Soziale Probleme, Sozialarbeit
Sonstige beteiligte Institution: Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Dokumentart: Buch (Monographie)
Schriftenreihe: Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Reihe M: Mensch und Sicherheit
Bandnummer: 254
ISBN: 978-3-95606-144-8
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2015
Publikationsdatum: 04.08.2015
Kurzfassung auf Deutsch: Mit zunehmendem Alter kommt es zu Veränderungen sensorischer, motorischer und kognitiver Funktionen, die durch Erkrankungen und die Einnahme von Medikamenten verstärkt werden können. Diese Veränderungen können sich auf das Autofahren auswirken und zu Fehlverhalten und Unfällen führen, die zum Teil im Verkehrszentralregister (VZR) erfasst werden. Um Funktionseinschränkungen zu begegnen und weiterhin fahren zu können, aktivieren Ältere häufig Kompensationsmechanismen, wie das Beschränken auf bekannte Strecken. Solche Kompensationsmechanismen könnten bewirken, dass manche ältere Fahrer nur einmal VZR-auffällig werden. Andere Gründe für die unterschiedliche Frequenz der Auffälligkeit können Unterschiede in fahrrelevanten Kompetenzen, Persönlichkeitsmerkmalen und Selbstbildern sein. In der vorliegenden Studie wurde untersucht, wie sich ältere VZR-Auffällige, die nur einmal registriert wurden, von Mehrfach-Auffälligen im Hinblick auf Persönlichkeitsmerkmale, kognitive Funktionen und Fahrverhalten unterscheiden. Darüber hinaus wurde überprüft, ob und ggf. welche Kompensationsstrategien die Einfach-Auffälligen aktuell im Vergleich zu früher (mit ca. 45 Jahren) anwenden. Hierzu wurden zwei Gruppen von älteren Autofahrern (72+, 199 Einfach- und 200 Mehrfach-Auffällige, fast ausschließlich Männer) hinsichtlich Fahrgewohnheiten, Persönlichkeitsmerkmalen, Einstellungen und v.a. Kompensationsmechanismen beim Autofahren telefonisch befragt. Eine Teilstichprobe (N = 96) wurde darüber hinaus einer verkehrspsychologischen Testung mit psychometrischen Leistungstests und Persönlichkeits- und Einstellungsskalen sowie einer Fahrverhaltensprobe unterzogen. Die Fahrverhaltensprobe wurde auf einer anspruchsvollen Teststrecke in Dortmund durchgeführt; das Fahrverhalten wurde von geschulten Fahrlehrern mit Hilfe der TRIP-Protokolle beurteilt. Zu den Kompensationsstrategien gaben die meisten Befragten an, kritische Situationen wie Autofahrten bei Müdigkeit und Dunkelheit zu vermeiden. Am häufigsten wurden das vorsichtigere Fahren und das Einhalten eines größeren Sicherheitsabstandes im Vergleich zu früher genannt. In der verkehrspsychologischen Testung zeigten sich bei den Befragten keine Hinweise für Demenz oder Depression, und ihre Intelligenz war allgemein hoch oder im Normbereich. Bei der Fahrprobe zeigten ca. 18% der Teilnehmer eine zweifelhafte generelle Fahrqualität. Bei der Qualität der Verkehrswahrnehmung und -einsicht wurde die Leistung bei 30% der Teilnehmer als zweifelhaft und bei 7,3% als unzureichend bewertet. Der Vergleich der Einfach- und Mehrfach-Auffälligen offenbarte insgesamt nur wenige Unterschiede: Mehrfach-Auffällige fahren mehr Kilometer und häufiger täglich Auto als Einfach-Auffällige. Bei den Kompensationsmechanismen zeigte sich insgesamt kein signifikanter Unterschied zwischen Einfach- und Mehrfach-Auffälligen. Die Einfach-Auffälligen vermeiden heute im Vergleich zu früher signifikant mehr kritische Situationen als die Mehrfach-Auffälligen, was auf altersbedingte Kompensation hindeutet. Allerdings war der numerische Unterschied gering und nur in wenigen der Situationen signifikant. Insbesondere vermeiden Einfach-Auffällige im Vergleich zu Mehrfach-Auffälligen das Fahren in Dunkelheit heute mehr als früher. Bei den Persönlichkeitsmerkmalen und Einstellungen zum Autofahren zeigten sich keine Gruppenunterschiede. Ein klarer Unterschied ergab sich hingegen im Selbstbild: Mehrfach-Auffällige schätzen ihre Fahrkompetenz häufiger als "besser als jüngere Fahrer" ein. Bei der verkehrspsychologischen Testung zeigten sich Unterschiede im Subtest Ablenkbarkeit des TAP-M, bei dem zentrale Reize und irrelevante Ablenkreize präsentiert werden: Mehrfach-Auffällige reagierten hier deutlich langsamer auf die relevanten zentralen Reize als Einfach-Auffällige. Bei der Fahrverhaltensprobe zeigten sich keine Gruppen-Unterschiede. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern keine klaren Anhaltspunkte dafür, dass Mehrfach-Auffällige größere sensorische, kognitive oder motorische Defizite aufweisen oder eine andere Persönlichkeits- und Einstellungsstruktur haben als Einfach-Auffällige. Auch hinsichtlich ihrer Kompensationsstrategien und Fahrkompetenz zeigten sich keine konsistenten Unterschiede zwischen den Gruppen. Daher sind somit weder verstärkte Kontrollen noch zusätzliche Auflagen für Mehrfach-Auffällige zu rechtfertigen. Bei der Interpretation der Daten ist außerdem zu berücksichtigen, dass die Trennschärfe der beiden Gruppen vermutlich nicht sehr hoch ist. In zukünftigen Studien sollten daher (vorzugsweise mehrfach) VZR-Auffällige mit unauffälligen Senioren verglichen werden. Darüber hinaus ist grundsätzlich zu empfehlen, Trainingsmaßnahmen für ältere Fahrer zu entwickeln, mit denen ihre Fahrkompetenz und damit die Verkehrssicherheit erhöht werden können.
Kurzfassung auf Englisch: With increasing age changes of sensory, motor, and cognitive functions take place. Diseases and medication intake can induce additional functional deficits or can enhance age-related deficits. All these deficits can have an impact on driving and may induce driving problems, errors, and even accidents. The latter are partly registered in the "Verkehrszentralregister (VZR)". In order to cope with functional deficits and to continue driving, elderly often activate compensation mechanisms such as the self-restriction to use only well-known routes for driving. Such compensation mechanisms may also be the reason that many of the old drivers that were registered in the VZR were only registered once, i.e. they committed only one VZR-relevant administrative offence. Other reasons for being registered once or rather several times may be differences in driving-relevant competences, personality traits, attitudes, and self-perceptions. The present study investigated in which respect old drivers which were registered either only once or rather several times in the VZR differ with respect to personality traits, driving-relevant cognitive functions and driving behavior. In addition it is investigated whether and which compensation strategies the different groups adopted currently as opposed to earlier in their life (at about 45 years). To this aim two groups of old active drivers (72+, 199 single registered, 200 multiple registered, almost exclusively men) were interviewed by phone concerning driving habits, personality traits, driving-related self-perceptions, and compensation mechanisms during driving. A subsample (N = 96) additionally underwent psychological tests and a driving test in real traffic. The tests embraced some traffic-relevant psychometric tests as well as questionnaires concerning personality traits, self-perceptions, and attitudes. The driving test was conducted on a critical test route in Dortmund; driving behavior was checked by experienced driving instructors using the TRIP-protocol. Concerning compensation strategies most of the respondees stated avoiding critical situations such as driving fatigued or in darkness. Compared to earlier in their life they mentioned as most frequent current strategies more cautious driving and keeping a larger safe distance. In the psychological tests they showed no signs for dementia or depression, and their intelligence was generally high or in normal range. During the driving test about 18% of the participants were rated having doubtful driving skills. The quality of traffic perception and understanding was rated doubtful in 30% and insufficient in about 7%. In the comparison of single vs. multiple VZR registered drivers only few differences were seen: multiple registered drivers had a larger mileage and drove more frequently daily compared to single-registered drivers. Concerning compensation mechanisms there was overall no significant difference between single- and multiple registered seniors. In the single analyses a few group differences emerged. Single-registered seniors avoid currently more critical situations than multiple-registered seniors, which suggests some age-related compensation. However, the numerical differences between the groups were small and only significant in few situations. In particular single-registered seniors avoid driving in darkness currently more than earlier. No group differences were seen concerning personality traits and attitudes towards driving. A clear difference emerged in self-perception: multiple-registered seniors rated their own driving competence as "better than that of younger drivers" more frequently than single-registered seniors. In the psychometric test differences emerged only in the sub-test distractibility of the TAP-M, in which relevant stimuli were presented together with irrelevant ones. Multiple-registered seniors reacted much more slowly to the relevant targets than single-registered seniors. In the driving test in real traffic no group differences were seen. Even though there were single meaningful group differences, the results of the present study provide no consistent evidence for the assumption that multiple-registered seniors have larger sensory, motor or cognitive deficits or different personality traits and self-perceptions than single-registered seniors. Also there was no consistent group difference in compensation strategies and driving performance. The results of the present study hence do not justify increased monitoring or constraints for multiple-registered seniors. Concerning the interpretation of the results it should be considered that the degree of separation of the two groups is presumably rather low. In future studies VZR-registered seniors (preferentially multiple-registered ones) should be compared to nonregistered seniors. Moreover, it can be generally recommended to develop training procedures for older drivers to increase their driving competence and thereby traffic security.